Eilfte Predigt.
Die Wüste Sin.
Fortsetzung.
4. B. Mos. 33,11. – 2 B. Mos. 16,1.
Noch verweilen wir mit den Kindern Israel in der Wüste Sin, wo wir uns noch lange aufhalten müssen, denn sie ist groß. Es ist eine abscheuliche Wüste, voll Dornen, und biethet nichts von demjenigen dar, was zum Lebensunterhalt erforderlich ist. Wahrlich meine Theuern, die ganze Erde ist mit Bezug auf den Geist, nichts als eine große dürre Wüste. Wir wollen euch dies nicht zu beweisen suchen, die ihr keinen Geist habt, wie der heilige Judas redet. Es mag sein, daß ihr in den Dingen dieser Erde dermaßen euer Genüge findet, daß ihr gerne Gott und seinen Heiligen den Himmel überlasset, wenn er euch nur die Erde überließe, daß ihr stets drin bleiben könntet. Es mag sein, daß ihr im Getümmel dieser Welt, ihren Geschäften, ihren Abwechselungen und Neuigkeiten, ihren Vergnügungen und Reizen, eure Lieblingsspeise findet, weil ihr von der Welt seid. Es mag sein, daß ihr in solcher Zerstreuung und Entfernung von euch selbst lebet, daß ihr von euerm innern Zustande nichts gewahr werdet und nicht entdecke, wie leer ihr bei dem allen bleibet, welcher Ueberdruß und Verdruß sich eurer noch oft bemeistert und euch nöthigt, zu andern Zerstreuungen eure Zuflucht zu nehmen, wenn ihr sie haben könnt, oder euch der peinlichsten Langeweile preißgegeben seht. Aber vorsätzlich unbekannt mit dem einigen und wahren Trost, begehrt ihr nichts Höheres und glaubt nicht einmal, daß es ein Höheres gebe, wegen der Blindheit, die in euch ist. – Es ist aber gewiß, daß die Erde mit all ihren Kostbarkeiten für den Geist eine Wüste ist, die ihm die sättigende Speise nicht giebt, die er ersehnt. Was ist es im Grunde betrachtet mit der Welt und allem was drin ist, es mag Namen haben wie es will? Eitelkeit der Eitelkeiten, sagt Salomo. Er sagts, von eigener Erfahrung belehrt, er sagt’s, im Besitz des Höchsten, was die Welt an Herrlichkeit darbietet, und was er sagt, gilt noch stets. Er sagt auch sonst: Gut hilft nicht am Tage der Noth, und der Psalmist lehrt mit Recht: einem Könige hilft nicht seine große Macht und die Riesen werden nicht errettet durch ihre große Stärke (sonst würden sie nicht sterben), viele Rosse helfen auch nicht. Es vergeht alles mit einander und es kommt die Zeit, wo es gar nichts gilt, mag jemand reich oder arm sein, oder was er sonst will und kann, sondern wo ganz andere Dinge gelten, die die Erde nicht hat und nicht giebt. Wohl dem, in dessen Sinn und Urtheil diese Welt auch nicht anders als eine Wüste gilt und der sich so gut durch dieselbe windet, als es angeht. Wohl dem, der dabei ein anderes Vaterland kennet und sucht und weiß, wie die heiligen Erzväter. – Nein, der Christ ist hier nicht zu Hause und findet hier nicht, was seine Seele sättigt. –
Jedoch, wir wollen ja den Faden da wieder aufnehmen, wo wir ihn neulich fallen ließen. Wir wollen sehen, wie sich das Volk benahm und was Gott that, welches wir 2. B. Mos. 16. lesen. –
Das Volk benahm sich sehr übel. Es ist wahr, die Noth war äußerst groß. Hungersnoth hatte sich bei ihnen eingestellt und sie hatten keine Mittel, sich Nahrung zu verschaffen. Sie sahen also nichts als den fürchterlichsten Tod vor sich, es wäre denn, daß Gott selbst hier durchhülfe. Laßt uns Mitleid mit ihnen haben, aber auch bedenken, daß wir unsere Noth auch als so groß erkennen müssen, daß wir gewahr werden, wie die gewöhnlichen Mittel nicht hinreichen, und wirklich Gott selbst sich dazwischen legen muß. Er muß mich ziehen – sonst komme ich nicht, er mich lehren, sonst verstehe ich’s nicht, er muß mir Glauben schenken, sonst weiß ich nicht zu glauben, er für mich streiten, sonst siege ich nicht. – Sodann müssen wir auch einen Hunger nach Christo haben, der sich durch nichts sättigen läßt, als durch seinen Besitz und Genuß. Und wohl dem Lande, in welches der Herr einen solchen Hunger sendet. –
Den Kindern Israel fiel hier Egypten ein, und zwar nicht dessen Plagen, sondern dessen Annehmlichkeiten, seine Fleischtöpfe und sein Brodt, dessen sie die Fülle hatten, wie sie sagten. So kam auch dem Assaph in seiner Anfechtung, der Zustand der Gottlosen glückseliger vor, als der der Gottseligen, und der Gedanke fuhr ihm durch die Seele, ob’s denn umsonst sein sollte, daß sein Herz unsträflich lebe? Gideon sagte auch einst: „ist der Herr mit uns, warum ist uns denn solches alles wiederfahren,“ und wußte es nicht zu reimen, wie es ihnen also ergehen könnte, wenn der Herr wirklich mit ihnen wäre. Wie hat’s den Christen schon im Ganzen gegangen und wie viel Ursache hatten sie, mehrmals mit Paulo zu sagen: „wir werden für Schlachtschaafe geachtet.“ Die abscheulichen Tyrannen sprangen ganz nach ihrer grausamen Willkühr mit ihnen um, wie wenn Wölfe in den Schaafstall brechen. Die grausamste Martern und fürchterlichste Todesarten wurden für sie ersonnen, so daß der Herzog Alba in den Niederlanden es als eine große Wohlthat wollte angesehen wissen, daß er die sogenannten Ketzer, wenn sie ihre Ketzerei abschwuren, nur wollte enthaupten lassen, und glaubte eben dadurch den Himmel verdient zu haben, daß er 80000 auf diese Weise hatte hinrichten lassen. Wie lange mußten sie oft in den Kerkern schmachten, ehe man sie ums Leben brachte, und wie viel Anlaß hatten sie also nicht zu Gideons Frage! Ihre Widersacher schwammen indessen oben und herrschten. Darf man sich da verwundern, wenn einige weich wurden, wenn sie abfielen und wenigstens eine Zeitlang nach Egypten umkehrten? – Einzelne Christen erleben auch wohl so harte Schicksale, daß sie sich versucht fühlen, die Gottlosen für glücklicher zu preisen als sich selbst. Es kann ihnen alles so verdunkelt werden, daß sie sich der empfangenen Gnade, nicht nur nicht erinnern, sondern auch keinen Weg sehen, dazu zu gelangen. Gieng’s nicht mit Hiob so weit, daß er wünschte lieber nicht geboren zu sein? Freilich hat ein Christ alle Ursache, sich die Hitze nicht befremden zu lassen, die ihnen wiederfährt, daß sie versucht werden, als wiederführe ihnen etwas Seltsames; aber es kommt ihnen doch oft seltsam und befremdend genug vor. Müssen denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, so liegt darin allerdings eine ausnehmende, aber auch zugleich gar keine Sicherheit vor irgend etwas, eben weil ihnen alles dienen muß. Oder geben wir dadurch dem Wörtlein „alle Dinge“ eine zu weite Bedeutung? –
Die Kinder Israel wünschten, wenn es ja nicht anders sei daß sie sterben müßten, daß sie denn doch auf eine andere Weise und schon in Egypten gestorben sein möchten. Hatten sie denn wohl unrecht? Ist der Hungerstodt nicht die schrecklichste Art zu sterben? Freilich sollen wir unserm eigenen Willen absagen und Gott schalten lassen. Aber das ist leichter gesagt als geübt. Man komme nur in Fälle, wo wir unsern lieben Isaac, unsern lieben Eigenwillen schlachten und opfern sollen, so werden wir gewahr werden, wie leicht oder schwer das ist. Fieng doch Jesus selbst an, darüber Blut zu schwitzen. Wollten die Kinder Israel allenfalls wohl sterben, nur so nicht – so liegt’s uns ja auch sehr nahe, daß wir wenigstens die Art von Leiden nicht gerne übernehmen möchten, wenn wir gleich nicht ganz prätendiren, von allen Leiden befreit zu bleiben. Aber wäre es nur das nicht. Paulus möchte vielleicht auch lieber zehn andere Kreuze erduldet haben, als den Pfahl im Fleisch. Aber es ist die Wahl nicht uns überlassen. Ein Wundarzt weiß besser als sein Patient, wo und wie tief er ihn schneiden soll. Und das Kreuz ist dennoch gut, obgleich es wehe thut; das soll es auch und eben dadurch seinen Zweck erreichen. – Es braucht auch gerade nicht so etwas sonderliches zu sein, was wehe thun soll. Oft kann etwas wirklich Großes, mit vieler Leichtigkeit, und etwas Geringfügiges mit großem Beschwer getragen werden, je nachdem eine Seele es aufnimmt und unterstützt wird. Hiob empfängt die entsetzlichsten Schläge mit bewundernswürdiger Gelassenheit, nachher verläßt ihn diese auf eine ausnehmende Weise, woraus man ja schließen kann, daß ihm noch etwas schmerzhafteres begegnet sein müsse, als jenes sichtbare war. – Wir sind auch nicht immer im Stande, einzusehen, wozu gerade dieß und jenes dienen müsse und solle, haben dann aber auch eine desto schönere Gelegenheit, mit Hiob zu sagen: ich will meine Hand auf meinen Mund legen, und nach Lämmer Art und dem Vorbilde Christi, zu verstummen und unsern Mund nicht aufzuthun.
Die Kinder Israel äußern auch das ärgste Mißtrauen gegen Mosen und seinen Bruder Aaron. Sie beschuldigen sie des bösesten Vorsatzes, als ob sie sie nur in der Absicht hergeführt hätten, sie durch Hunger zu tödten. Konnten sie etwas Unsinnigeres äußern? Hatten die denn etwas zu essen, und würden sie nicht eben so gut haben umkommen müssen, wie alle Uebrige? Aber sagt nicht Jesus ausdrücklich, Unvernunft sei auch eins von den bösen Stücken, die aus dem menschlichen Herzen gehen? Diesen Namen verdient aber auch jeder Gedanke und jede Aeußerung, die dem Wort Gottes nicht gemäß ist. Und wie voll Unvernunft ist dann die Welt, sind die meisten Bücher, sehr viele Predigten und unser Herz! Wir wollen das nicht ausführlich darthun, wann würden wir fertig werden? Nur das wollen wir bemerken: 1) daß Christus allein die Wahrheit ist und alle Wahrheit aus ihm in uns übergehen muß. 2) daß sich in den meisten Einwendungen heilsbegieriger Seelen, sehr viel Unvernunft hervorthut. Dieser geht krumm und gebückt, weil er sein Sündenelend so lebhaft fühlt, und sagt doch zugleich, es sei höchst nöthig dies zu fühlen; jener seufzt und jammert, daß er so in der Dürre wandeln müsse, und sagt doch, Jesus müsse uns unentbehrlich werden u.s.f. – Das Mißtrauen, was die Leute äußern, ist sehr tadelnswerth und unbillig. Es war weder die erste, noch die größte Noth, worin sie gesteckt hatten und woraus sie erlöset waren. Dasjenige, was sie am rothen Meer erlebt hatten, war viel bedeutender. Da hatten sie Gott als einen solchen kennen gelernt, an dem nicht zu Schanden werden, die auf ihn hoffen, und der Wunder thut. Warum denn nicht auf ihn vertraut? Warum ihm denn nicht alles gelassentlich übergeben? Er hat ihnen versprochen, sie nach Canaan zu führen. Er wird das auch Wort halten. Wissen sie nicht, wo sie Speise hernehmen sollten, so wußten sie auch nicht, wie sie durchs rothe Meer kommen sollten – und kamen doch hindurch. Gottes Wissen ist eben so unbegränzt als seine Macht. Und es ist den Kindern Israel nicht zu viel zugemuthet, wenn man von ihnen verlangt, sie sollten dies beherzigen. Freuen hätten sie sich billig sollen über ihren Mangel, über ihre Rathlosigkeit, weil beides dem Herrn Gelegenheit gab, zu beweisen, daß sein Beides ist, Rath und That. Aber nichts von dem allen. Sie thun als ob kein Gott wäre, oder als ob er nicht helfen könnte. – So ist die menschliche Natur voll Mißtrauen. Wo die natürlichen Augen nicht mehr sehen, und die Hände nicht greifen, da tritt dasselbe hervor; das ist sehr jämmerlich und sträflich zugleich. –
Aber machen wir’s denn von Natur besser? Dem natürlichen Menschen gilt Vertrauen auf Gott, als eine Art von Aberglauben, was er dadurch noch wohl rechtfertigen will, daß er sagt: Gott thue keine Wunder mehr. – David hatte schon so manche Errettung aus Saul’s Händen erfahren, hatte die Verheissung, er solle König werden, und sprach doch in seinem Zagen: ich werde noch eines Tages in die Hände Saul’s fallen. Abraham gerieth in Sorgen, er möchte getödtet werden, da er doch den verheißenen Sohn noch erst haben sollte. Niemand drückt aber das natürliche Mißtrauen des Menschen kräftiger aus als Hiob, wenn er Cap. 9,16. sagt: wenn ich ihn schon anrufe und er mich erhört, so glaube ich doch nicht, daß er meine Stimme höret, als wollte er sagen: wenn ich auch um etwas bitte und bekomme es, so glaube ich doch noch eher, daß es zufällig geschehe, und sich auch ohne mein Gebet so zugetragen haben würde, als daß ich darin eine göttliche Gebetserhörung erkennen sollte. Dies geht weit; aber so ist unsere Natur. Kein äußerliches Mittel ist auch im Stande, dieß Mißtrauen auszurotten, sonst würden die Juden ja, um der vielen unleugbaren Wunder willen, die Jesus that, haben glauben müssen. Aber dann muß unser Herz selbst geändert und erneuert werden, damit an diesem guten Baum, auch die gute Frucht des Vertrauens wachse. Man hat ja auch nicht selten gesehen, daß Seelen, welche die kräftigste Versicherung ihres Gnadenstandes gehabt haben, nachher auf’s heftigste darüber sind angefochten worden, und ihnen alles wieder verdächtig gemacht wurde, was ihnen doch so nachdrücklich war versiegelt worden. In deinem Lichte sehen wir das Licht, sagt David. Mag es am Tage noch so helle scheinen, so kann doch die Nacht, eine solche Dunkelheit haben, als wäre gar kein Licht da. Wer nun eine unwandelbare Sicherheit begehrt, muß sie in dem Gott Amen suchen; denn es ruht der Muth in Christi Blut, und nicht in unsern eigenen Ständen. –
So benahm sich das Volk, das sich dadurch strafwürdig machte. Allein obschon Moses auf sie ihr sündliches Betragen aufmerksam machte, so ließ der Herr es sie doch nicht entgelten. Er hatte sie in diese Noth geführt, um die Herrlichkeit seiner Macht im Helfen zu offenbaren. Denn Gott sagte, er wollte ihnen Brodt’s die Fülle regnen lassen und ihnen Fleisch dazu geben. Letzteres bekamen sie auch am selbigen Abend, da eine unsägliche Menge von Wachteln sich unter dem Heere niederließ, die sich schlachten und essen konnten. Brodt fanden sie am andern Morgen, welches von ihrer Frage: manhu, was ist das? den Namen Manna bekam. Man hat noch Manna, und trifft es insbesondere in jenen Gegenden an, wo damals die Kinder Israel reiseten. Allein dies Manna ist kein Nahrungsmittel, sondern ein Arzneimittel, welches eine abführende Eigenschaft hat, sonstiger merkwürdigen Unterschiede jetzt nicht zu gedenken. Die Israeliten fanden das Manna des Morgens früh um das Lager her, sobald der Thau weg war. Es hatte sich gegen die Morgenzeit still und ohne Geräusch herabgesenkt, und bildete kleine, perlenweiße Körnlein. Es fiel die sechs Wochentage vom Himmel, aber am Sabath fiel es nicht. In den Werktagen hielt es sich nicht bis zum folgenden Tage, was aber am Freitag gesammelt wurde, hielt sich auch den Sabath über. Wollen wir dem Buch der Weisheit glauben, so schmeckte das Manna so, wie jemand wünschte, daß es schmecken möchte. Gewiß ist’s nach der Schrift, daß zwar der eine viel, der andre wenig sammelte, wenn man’s aber maß, fand der nicht drüber, der viel gesammelt hatte und der nicht drunter, der wenig gesammelt hatte, sondern ein jeder hatte gesammelt, so viel er für sich essen mochte. Dieß zu erklären, müßte man entweder ein neues Wunder anerkennen, das jedem sein Maß gab, so daß dem Habsüchtigen seine Habsucht nicht nutzte, dem Unfleißigen sein Unfleiß nicht schadete. Richtiger ist’s aber ohne Zweifel, wenn wir annehmen, die ganze Masse des eingesammelten Manna’s, sei zu gewissen Personen gebracht worden, die dann einem jeden ein Gomor zumaßen, so daß alle gleich viel bekommen. So faßt es auch Paulus 2. Kor. 8. auf, worauf er die Bemerkung gründet, daß des Einen Ueberfluß, des Andern Mangel abhelfen solle. Für jeden, er mochte jung oder alt sein, ward ein Gomor gemessen, welches mehr war, als die meisten zu ihrem Unterhalt bedurften. Es war zwar nur die einzige Speise, welche die Kinder Israel hatten; aber sie war nicht nur für alle genugsam, sondern auch für alle angemessen und gesund. Sie eignete sich so gut für kleine Kinder als für Erwachsene, so wohl für Kranke als Gesunde. – Aber auch in Absicht dieses Manna, versündigten sich verschiedene bald. Dies thaten theils diejenigen, welche es auch am Sabbath suchten, jedoch freilich nicht fanden; theils thaten’s diejenigen, welche sich was für den folgenden Tag aufbewahren wollten. Dazu konnte sie nichts bewegen als Habsucht, welche immer mehr haben, und sich an dem heutigen täglichen Brodt nicht begnügen will, und Unglaube. Es schien klug, sich auch mit einigem Vorrath für die Zukunft zu versehen, weil man von der göttlichen Verheißung abgesehen, nicht wußte, was es morgen und übermorgen geben konnte, ob der seltsame und gar nicht natürliche Regen nicht ausbleiben würde. dann waren sie gedeckt. Beides entspringt aus der Abneigung, ein von dem Herrn abhängiges Leben zu führen, sondern für sich und von sich bestehen zu können, welches ja auch die Absicht der ersten Sünde war, woraus alle übrige entstanden ist. Gott gewöhnt und befähigt sein Volk nach und nach zu einer ganz entgegengesetzten, das heißt, zu einer von dem Herrn ganz abhängigen Lebensweise. Er hätte es mit dem Manna wohl anders einrichten können, daß es sich für längere Zeit hielt. Er wollte es aber ausdrücklich so und nicht anders haben. Es sollte sich blos am Sabbath aufbewahren lassen, und sonst an keinem andern Tage. Ja das Manna, welches in einem goldenen Kruge in’s Allerheiligste gesetzt wurde, hielt sich mehrere Jahrhunderte hindurch. Was konnte die göttliche Absicht, bei dieser Einrichtung wohl anders sein, als sein Volk zu einem nackten Vertrauen auf ihn selbst, seine Macht, Güte und Treue anzuleiten? Jeden Abend waren sie alle eben so arm, wie sie’s Tages vorher gewesen waren, und eben so rathlos. Sie sahen sich dadurch genöthigt, auf Gott zu hoffen, und es auf ihn zu wagen. Verstanden sie dies, so waren sie überaus glücklich. Sie hatten keine sonderliche Mühe mit dem Sammeln, - und mit dem Aufbewahren und Fortschaffen gar keine; der Sorge waren sie ganz entledigt, denn Gott sorgte auf die augenscheinlichste Weise für sie. Ihre fortwährende Armuth konnte ihnen ein Vergnügen machen, weil der Herr dadurch Gelegenheit hatte, seinen Reichthum an ihnen zu erweisen.
Doch diese Seelengestalt forderte Gott nicht blos von seinem Volke Israel, sondern fordert sie noch. Selig sind, die da geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr. Mit diesen Worten fängt Christus seine Bergpredigt an, und im Fortgange derselben sieht man deutlich, daß er sie hervorbringen will. Er thut die erstaunlichsten Forderungen, als z.B.: wenn man auf den einen Backen geschlagen würde, solle man den andern auch darbieten; wer zween Röcke habe, der gebe dem, der keinen hat; wenn jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel; wenn man gebe, so soll man die Linke nicht wissen lassen, was die Rechte thue; wer jemanden nur ansehe, sein zu begehren, der hat schon mit ihm die Ehe gebrochen in seinem Herzen – und sagt dann zuletzt: wer diese meine Rede hört und thut sie, den vergleiche ich einem klugen Manne, der sein Haus auf einem Felsen bauete. Da nun ein Platzregen fiel, und ein Gewässer kam und weheten die Winde und stießen an das Haus, fiel es doch nicht, denn es war auf einem Felsen gegründet. Und wer diese meine Rede hört und thut sie nicht, der ist einem thörichten Manne gleich, der sein Haus auf den Sand bauete. Da nun ein Platzregen fiel, und kam ein Gewässer und weheten die Winde und stießen an das Haus, da fiel es und thät einen großen Fall. – Geht’s uns dabei nicht wie denjenigen, die ein geringes, oder auch gar kein Vermögen besitzen, nun aber mit Schuldforderungen, die sich in die Tausende belaufen, überfallen, und eben dadurch von ihrer Unzulänglichkeit, auf’s nachdrücklichste überzeugt werden? Das ist auch die nächste Absicht Jesu, bei seiner Predigt, und es ist wohl nicht ohne Absicht, daß gleich in dem auf die Bergpredigt folgenden Capitel, die Geschichte mit dem Aussätzigen erzählt wird, der sich mit der Bitte an Jesum wandte: „Herr, so du willst, kannst du mich wohl reinigen“ – als sollte uns dadurch der Weg gewiesen werden, welches durch die darauf folgende Geschichte, von der Heilung des Knechts des Hauptmannes, noch mehr bestätigt wird. –
Arm also muß man werden, damit man den unausforschlichen Reichthum Christi erfahre. – Aber es geht doch auch im Fortgange nicht so, wie man’s sich wohl im Anfange dachte. Denn was stellt man sich, besonders nach dem ersten Genuß der Friedensgaben anders vor, als man werde nun immer stärker werden, und meint wohl, wen Herrn Jesum künftig immer weniger zu brauchen, ihm immer weniger beschwerlich werden zu dürfen. Man gedenkt aus einem schwachen Kinde, mit der Zeit zu einem starken Manne heranzuwachsen, und freut sich im voraus darauf, was man noch alles ausrichten werde, wenn man nur erst ein wenig festern Fuß werde gefaßt haben. –
Man findet es aber nachgehend’s viel anders: daß es nicht vom Wandeln zum Laufen, vom Laufen zum Auffahren mit Flügeln, wie der Adler kommt, sondern sich ganz umgekehrt gestaltet. Arm, ärmer, am ärmsten. Stets gleich arm, auf einen stets gleichreichen Jesum geschaut. Nicht auf etwas eigenes, sondern auf ihn gestützt. Jeden Morgen mit einem leeren Kruge hinaus vor das Lager, neues Manna zu sammeln.
Um dieses Manna hat es auch noch eine geheimnißvolle, vorbildende Bedeutung, wovon wir Joh. 6. lesen. –